(Vorlesung)
Aufgehängt, angehängt oder angebunden, der Speer durchbohrt das Herz
Natürlich nehme ich das an, habe mich nun in alle Richtungen gestreckt und bin den Pfad gelaufen… die ständige Selbst-Aufgabe, die Extreme, die tosende See und immer wieder bin ich untergangen, um das Bewusstsein zu verlieren und doch im richtigen Augenblick wieder aufzutauchen, schnappend nach dem ersten Sauerstoff, hustend von den letzten Wassertropfen vor der Luftröhre. Noch öfter war ich kurz davor und dann waren die Kräfte doch wieder da und konnten mich vor diesem Schock bewahren. Doch dieser Schock ist abermals und abermals die Grenze zwischen dem Hier und dem Da, dem Jenseits, es ist die Pforte, das Portal, der Tod auf die Geburt und vice versa. Es ist die Spirale, die so tief wirkt, dass das Wachbewusstsein überlistet werden muss. Sie fordert sich zurück, fordert auf, die Anhaftungen in alten Räumen loszulassen, neue Vision und ein neues Lebensgefühl in die nächste Version des Selbst mitzunehmen. Es gibt kein Entrinnen, kein Rennen. Sie kommt. Die große Schlange, der Drache der Zeit verlangt es, dass die alte Haut sich löst, der Raum sich weitet.
Das Leben des Suchenden erfordert das Sakrileg. Odin und Freyja sind auf ihrer Suche und auf ihren Pfaden nach Wissen und Weisheit, nach Magie und Rezepten in vielen Tempeln, Höhlen, Schmieden, Küchen und Wäldern unterwegs gewesen. Mit Tricks haben sie ihre Körper gegeben und Lust und Leidenschaft erfahren, haben gemobst, übernommen und gemordet. Wie kann es sein, dass die Moral für Götter nicht gilt? Wie kann es sein, dass sie das natürliche Rad bewegen und sich nicht an die Regeln halten? Wie wirkt sich das auf uns aus?
In den Geschichten und in der Mythologie dürfen wir die Dinge nicht stets mit unseren Augen betrachten. Verführung kann zu Einsicht führen oder Tod und Destruktion das Dünkel ab-lösen, die Tiefe erkennen lassen und die Jahreszeiten gestalten, die Wechselwirkung zwischen Fruchtbarkeit und Rückzug im Winter zum Beispiel. Aber auch beschreibt Neid und Missgunst zum Beispiel das irdische Fleisch, das Menschliche und die Geschichten von Abstieg und Wille und Nutzen und Raub beschreiben die teils willkürlichen Qualitäten, die wir alle erfahren in dieser Haut. Es braucht also den letzten Kampf zwischen konkurrierenden Kräften, Ragnarök für die Wiedergeburt und die Reinigung. Lange waren die Weichen gestellt, unausweichlich und so wurde das „Schicksal“ zur Wirklichkeit und das Ende war der Neubeginn für Lif, die Frau, das Leben, und Lifthrasir, den Mann, der das Leben liebt. Könnte es nicht schöner sein? Der Neubeginn legt die Grundlage noch einmal dar: die Leben gebende Frau, die das Leben selbst symbolisiert, wird geschätzt und geliebt von dem, der das Leben imprägniert. Eine Union, eine Ganzheit, ein Spiel der liebenden Lebendigkeit. Wird sie nun bestehen?
Diese Geschichten aus der Mythologie können uns inspirieren mehr zu geben, ganz und gar für etwas zu brennen, manchmal nicht zu wissen, was sich ergibt und doch zu entscheiden und zu handeln. Die Hingabe an das, was zählt. Manchmal macht man dabei Fehler und manchmal hat sich das Leben zu weit gedreht, zu weit voneinander entfernt und der Neubeginn steht bevor nach dem Ende. Das Ende gibt es mit jeder Mondphase und mit jedem Winter, mit jedem sich erneuernden Zyklus. Die Natur-Kräfte im Rad der Zeit (im Jahresrad, das sich durch die Zeit fortbewegt) können dabei gezielt genutzt werden und zielstrebig kann die Erneuerung durch „innere“ Reinigung wie Vergebung, das Schwitzen, das Bekennen und Offenbaren, die Trance und die Visionssuche, Feuer- oder Wasserzeremonien und vieles mehr selbst in die verantwortliche Handlung integriert werden.
Du bist die Fäden, der Pfeil und deine Ausrichtung ist entscheidend. Manchmal dürfen Fäden zerbröseln, manchmal neue Fäden aufgenommen werden. Wenn du sie an den Pfeil bindest oder sie behutsam in das große Gewebe einweben möchtest, sei dir gewiss, dass deine Worte und dein Handeln dem folgen. Sei dir gewiss, dass dies aus einem reinen Herzen geschieht – zumindest, dass die Fäden von dort genutzt werden, dass der Pfeil von dort „abgefeuert“ wird. Natürlich ist Ablenkung da, natürlich kannst du dich verheddern und verbrennen. Dann ist es Zeit, sich das eigene Zeug anzuschauen und sich nochmals zu fragen: war die Absicht rein? Warum kann ich dem gerade nicht folgen? Bin ich irgendwo vom Pfad abgekommen? Dann ist es Zeit, sich wieder führen zu lassen von dem eigenen Herzen, von dem Herzen, das im Herzen der Großen Mutter schlägt und von ihr genährt wird mit Worten der Erinnerung an dich, an die liebvolle Größe, die hinter den Handlungen, Gedanken und den alten Geschichten liegt.
Die Mythologie und die Geschichten von Entstehung zeigen uns stets den Untergang und die Wiedergeburt. Jeder Tag ist neu und gebärt eine neues Du, jeder Atem. Kannst du dich darauf einlassen? Kannst du dich annehmen in diesem Moment als leeres und von deinem Herzen gelenktes Wesen, das in dem Tanz zur heiligen Symphonie sich bewegt?
Weiß, auch wenn wir zu Göttern beten und die Archetypen befragen können, dahinter gibt es eine Quelle des Lebens und all die Mythen, Geschichten und Wesen sind schon längst geschaffene Ausdrucksformen des Lebens; sie sind Symbole und Facetten aus diesem und für dieses Leben hier. Sei gewiss, dahinter in der Quelle gibt es auch dich und deine Verbindung bis ins Hier und Jetzt. Spürst du sie? Hörst du sie? Vielleicht hat sie keinen Ton und kein Gefühl außer der unendlichen Schöpfungskraft, die ungeformt und ungesprochen … dich durchflutet… und wahrhaftig, echt macht…