Natur – Bewusst – Leben

menschlich

Das ist E, menschlich, Menschlichkeit, Frieden, Licht und Schatten

Das ist E. Er wanderte vor dem Bahnhof rastlos von einem Plätzchen zum nächsten und nächsten, saß hier auf der nordwärts gerichteten Bank, wanderte weiter, saß da, an der ostwärts gerichteten Bank, wanderte weiter, kreiste. Ich stand am Bücherregal und bemerkte ihn ganz entfernt im Augenwinkel, während kleiner Gespräche, bis niemand mehr da war, der entweder Bücher oder ein Gespräch wollte. Dann stand er plötzlich neben mir und machte noch ein paar kleine Schritte auf mich zu. „Können Sie mir einen Krankenwagen rufen?“ Er war gut auf den Füßen und recht gerichtet. „Warum? Was ist los?“, fragte ich. „Drogenproblem, Psychose. Ich will in eine Psychiatrie.“ Mit der gelben Tüte in der Hand und einem Cap auf dem Kopf stand er da in dieser hitzigen Mittagssonne. Ich nickte und schaute, ob es eine bessere Lösung als den Rettungswagen gäbe. Obwohl ich im Schatten des Vordachs stand, setzte sich E. daneben in den sonnigen Bereich und strich sich angespannt und nervös mehrmals über das Gesicht. Entschlossen rief ich dann doch 112 an. Nach wenigen und ruhigen Sätzen mit dem fragenden Mann am anderen Ende der Leitung reichte ich mein Smartphone an E, der alle nötigen Angaben vervollständigte und das Phone zurückreichte. „Sie schicken jemanden los.“ Gut, dann warte ich, dachte ich. Obwohl ich das E nicht sagte, war das eine schweigende Verbindlichkeit zwischen uns.

Der junge Mann, vielleicht Mitte Zwanzig, stellte sich wieder auf, schüttelte leicht, strich sich immer wieder über Gesicht und Kopf. Ein wenig erzählte ich ihm von der wunderbaren Koka-Pflanze, die heilsam wirkte. „Für mich ist sie das nicht“, sprach er etwas energischer und verärgerter als alle anderen Worte. Es rannte in ihm: Gedanken, Energie-Ströme, die Rastlosigkeit, die ihn versteckte, weil er sich selbst nicht aushielt, das Verlangen nach mehr oder das konsequente NEIN zu mehr. „Ja“, sprach ich leise, „aus der wunderbaren Pflanze sind unschöne Dinge gemacht worden“. Er setzte sich auf den Absatz und wartete. Ich blieb hinter ihm im Schatten und vor den Büchern. Mir tat das etwas weh. Vor meinem inneren Auge sah ich die Anden und den Ruf ‚Mama Kokas‘, ich nahm ihren Geschmack wahr, ich nahm wahr, wie ein Ball von Blättern in meiner Wange ruhte, ich den Saft aus diesem Ball drückte und sich dieser in meiner Mundhöhle verteilte. Ich erinnerte die Zusammenkünfte in Südamerika bis hoch in Nacion Q’ero bei den Inka-Nachfahren in Peru, wo die Koka-Blätter gelesen werden. Sie, die Mittlerin zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Wirklichkeit, zwischen der menschlichen und göttlichen oder geistigen Welt. ‚Mama Koka‘ versüße die Wörter. Dann sah ich auf E und sah seine Qual.

Spirit, komm zurück auf den Schwingen des süßen Lebens.

Ein paar Menschen gingen vorbei und gingen ihrem Tun nach. „Willst du was trinken“, fragte ich E‘s Rücken. Sofort sprang er auf und war erleichtert, zottelte einen klein gefalteten 5er aus der Tasche, ein zweiter fiel. Er äußerte sein Wahlgetränk, eine Coke, und ich ging zur anderen Seite des Bahnhofs, kaufte es, ließ es öffnen, ging zurück, streckte es ihm mit dem Restgeld entgegen. „Ist da was drin?“ Ich schaute verdutzt, lächelte, da ich hoffte, es gäbe ihm Vertrauen. „Was soll da drin sein“, war meine Gegenfrage. Er nahm die Flasche an sich und trank nicht. Er umklammerte die Flasche wie erstarrt. „Soll ich kosten“, fragte ich. Er nickte, gab mir die Flasche. Ich trank beherzt von dem süßen Zeug, verzog das Gesicht und sagte: „Bäh, das trinke ich nie. Das schmeckt mir nicht.“ Auch dieses Mal spielte ich für Vertrauen. Ich trank etwas für ihn, obwohl ich es niemals für mich wählen würde. Er vertraute und trank ebenso beherzt, setzte sich wieder. Wir warteten: er auf dem Absatz im Sonnenschein sitzend und ich vor dem Bücherregal im Schatten stehend.

Das Leben schreibt das Theater. Für mich war es wie eine Vorführung für E.

„Möchtest du vielleicht ein Buch mitnehmen?“ „Welches denn?“ „Irgendeins, freie Wahl.“ E schaute flüchtig und dann etwas gründlicher. „Nee, lieber nicht.“ Was für ein interessanter Einwand. Ich war so fasziniert davon, dass ich in die Weite starrte und auf die Motivation dieser Wortwahl wartete. Die kam nicht. Er saß da und wurde still. Vielleicht dachte er über das Unbekannte vor ihm nach. Ich las derweil die ersten Seiten in „Lohn der Angst“ von Georges Arnaud. Sanft oder süß wollte ich etwas vorlesen wie ein Off-Sprecher. Ich hielt mich im Hintergrund auf, damit E sich nicht zu sehr beobachtet fühlte und die stillschweigende Vereinbarung nicht laut werden könnte. Also las ich lautlos für uns beide, bis die ferne Sirenen zu vernehmen waren. Der angewiesene Rettungsdienst kam an, stellte sich vor uns ab. E stand wieder, drehte den Kopf halb zu mir und bedankte sich. „Das ist ein großer Schritt. Du hast all meinen Respekt“, sagte ich. Er drehte sich zu mir und schaute mich an, nickte fest. Dann baute sich der Fahrer des Rettungsdienstes vor E auf und testete ihn mit Fragen. E wurde wieder nervös, schaute hin und wieder zu mir und ich füllte die Antworten ein, von denen ich wusste und die er selbst nicht geben konnte. Die von mir zugesicherte Kraft wurde E gerade komplett entzogen. Stattdessen gab es Vorwürfe und Misstrauen. Spannungen bauten sich auf. Er dürfte dann doch in den Wagen für die ersten Untersuchungen.

„Das ist Missbrauch des Rettungsdienstes“, sprach die Beifahrerin. Ich dachte, die wurden doch mit vollem Wissen von der Situation hergeschickt. „Es ist eine Masche. Es gibt einige, die hüpfen von einem zum nächsten Bundesland, bis sie polizeilich auffallen. Einige wollen was abgreifen bei uns“, sprach sie weiter. „Wen sollte ich anrufen, sollte das noch einmal vorkommen“, wollte ich wissen. „Na, die sollten eigentlich zu ihren Hausärzten gehen und sich einweisen lassen oder zum nächsten Arzt gehen.“ Sie zeigte in die Richtung der Ärztin unweit des Bahnhofs. Ich wiederholte meine Frage. „Beim sozialmedizinischen Dienst, aber die können auch nicht immer kommen.“ In dieser konfrontativen Situation brach es mir das Herz mich abzukehren. Was ist Menschlichkeit und wie können wir es ermöglich, einander ohne Vorurteile zu begegnen? Ohne Annahme? Ich verstehe und verstehe nicht, dass wir einander nicht EINFACH die Hände reichen können. Angst regiert die Menschen und die übertönt die Menschlichkeit. E schaute noch einmal zu mir. Ich sah nochmals in seinen Augen die Aufforderung: Ich brauche Hilfe. Dann ging ich.

Alles Gute, E.

ZuSatz. Als eine Frau, die weltweit mit und für Menschen mit sozialen, finanziellen, rechtlichen, gesundheitlichen Einschränkungen und Einordnungen und Kategorisierungen arbeitet, flüstere ich weiterhin in die Herzen, in den Frieden und in die Einheit des MenschSeins. Für die Kinder. Für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. In alle Richtungen: ALU.

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